Shamonda-Virus: Tierärztin im Interview

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Tierärztin steht in einem Stall mit Kühen

Was ist über das Shamonda-Virus derzeit bekannt, an welchen Anzeichen können Landwirte erkrankte Tiere erkennen und was können sie zum Schutz ihrer Herde tun? Dr. med. vet. Kerstin Duncker, Tierärztin bei smaXtec, spricht im Interview über typische Symptome, regionale Entwicklungen, offene Fragen und sinnvolle Maßnahmen für Milchviehbetriebe.

1. Was wissen wir derzeit über das Shamonda-Virus und welche Fragen sind noch offen?

„Das Virus ist eng mit dem Schmallenbergvirus verwandt und wird, wie das Blauzungenvirus, durch Gnitzen übertragen. Es verursacht betriebsindividuell unterschiedlich starke Symptome. Die Tiere zeigen Fieber, Durchfall, Trägheit und Milchleistungseinbrüche. Die Betriebe sind im Schnitt ein bis drei Wochen lang betroffen. Auch Aborte, Totgeburten und Frühgeburten lebensschwacher Kälber werden beobachtet. Für Menschen ist das Virus nach derzeitigem Kenntnisstand ungefährlich.

Genau genommen handelt es sich beim derzeitigen Virusgeschehen um zwei Varianten desselben Virus (SHAV-EU1 und SHAV-EU2), also um zwei Ereignisse, die sich in einigen Bundesländern schon überschneiden.

Noch unbekannt sind die Auswirkungen der Virusinfektion auf ungeborene Kälber bei Infektion des tragenden Tieres. Wegen der engen Verwandtschaft zum Schmallenbergvirus ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es zu Schädigungen oder Missbildungen der Feten kommen könnte. Ob und wie stark dies zutrifft, ist aktuell noch unklar.

Auch noch nicht bekannt ist die Dauer der entstandenen Immunität nach überstandener Infektion, das heißt, ob einmal erkrankte Tiere in Zukunft einen belastbaren Immunschutz besitzen. Ein weiteres Fragezeichen sind die Auswirkungen auf Kälber. Betroffene Betriebe berichten von Symptomen bei Kälbern, zum Teil sogar mit schmerzhaften Gelenkschwellungen.“

2. Auf welche Anzeichen sollten Landwirte bei ihren Tieren besonders achten?

„Betroffene Betriebe zeigen eine Häufung folgender hinweisender Auffälligkeiten in unterschiedlicher Kombination und Ausprägung und über alle Laktationsstadien: plötzlicher, klarer Rückgang der Wiederkauaktivität als eines der ersten Anzeichen, deutlicher Anstieg der inneren Körpertemperatur, teilweise mit schwankendem oder länger anhaltendem Fieberverlauf, deutlicher Rückgang der Milchleistung, Durchfall und verändertes Trinkverhalten (mehr und häufigeres Trinken in Fieberphasen, wo vermehrte Wasseraufnahme möglich ist).

Aufmerksam sollten Sie werden, wenn Sie in den smaXtec-Daten folgende Auffälligkeiten beobachten können: Mehrere Tiere zeigen innerhalb weniger Tage ähnliche Muster – insbesondere Temperaturanstieg kombiniert mit sinkender Wiederkauaktivität. Zum Teil werden auch vermehrt Mastitisalarme ausgelöst, da sich die Metriken sehr ähnlich verhalten wie bei einer akuten Mastitis.

Sobald mehrere Tiere in der Herde betroffen sind, ist der Bestandstierarzt für Diagnostik und Behandlungen hinzuzuziehen. Die smaXtec-Daten können extrem hilfreich sein für eine Früherkennung und Priorisierung der symptomatischen Behandlungen, ersetzen aber nicht die tierärztliche Diagnose.“

3. Was können Betriebe jetzt konkret tun, um ihre Tiere bestmöglich zu schützen?

„Es gibt aktuell keinen Impfstoff gegen das Virus. Sinnvolle Maßnahmen sind das regelmäßige Übergießen der Tiere mit einem zugelassenen deltamethrinhaltigen Präparat, um die Anflug- und Stichfrequenz der Gnitzen zu reduzieren. Dabei sollten die tragenden Tiere (Trockensteher und tragende Färsen) nicht vergessen werden. Auch während eines akuten Ausbruchs hilft das Übergießen mit Repellenz, um innerhalb der Herde die Viruslast geringer zu halten. Für genaue Empfehlungen, welche Arzneimittel bei Ihnen zugelassen und sinnvoll sind, wenden Sie sich bitte an Ihren Bestandstierarzt.

Alle Maßnahmen, die zusätzlich den Gnitzenkontakt reduzieren, sind sinnvoll. Da Gnitzen schlechte Flieger sind, sollten die Ventilatoren vor allem in den Abendstunden, wenn die Gnitzen besonders aktiv sind, weiterlaufen. Auch das Trockenlegen von Wasserstellen rund um die Stallungen kann dazu beitragen, potenzielle Brutstätten zu reduzieren. Darüber hinaus empfiehlt es sich, auf die Abendweide zu verzichten, da Gnitzen in diesen Stunden besonders aktiv sind.

Bei einem akuten Viruseinbruch sollte Stress für die Kühe (Rations- und Gruppenwechsel, Bestandsklauenpflege etc.) unbedingt vermieden werden.“

4. Wie sollten Landwirte reagieren, wenn mehrere Tiere ähnliche Auffälligkeiten zeigen?

„Bei den ersten Häufungen ähnlicher Symptome sollten Landwirte ihren Bestandstierarzt hinzuziehen, um Diagnostik und Behandlungen abzustimmen. Bei vielen gleichzeitig betroffenen Tieren kann die smaXtec-Assistentenliste zur Priorisierung und strukturierten Durchführung unterstützender Maßnahmen, etwa der Schmerzmittelgabe oder des Drenchens, beitragen.“

5. Was ist dir für den Umgang mit den regionalen Virusinformationen und den verwendeten Daten besonders wichtig?

„Mir ist wichtig, dass die Informationen als Orientierungshilfe und Überblick über die Entwicklung verstanden werden. Wo ist das Virus gerade besonders aktiv, in welche Richtungen breitet es sich aus und wo sind die Infektionen am Abklingen? Dieser Überblick ersetzt keine tierärztliche Einzelfalldiagnose und nicht jeder Durchfall oder jede Fieberepisode ist mit „dem neuen Virus“ zu erklären. Wichtig ist daher, die Informationen sachlich einzuordnen, nicht in Panik zu geraten und gleichzeitig den eigenen Bestand aufmerksam zu beobachten.“

6. In einem Satz: Welche zentrale Empfehlung möchtest du Landwirten für die kommenden Wochen mitgeben?

„Ruhe bewahren, die Tiere aufmerksam beobachten, den Gnitzenkontakt bestmöglich reduzieren und erkrankte oder gefährdete Tiere gezielt unterstützen.“

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